Manfred von Richthofen – Präsident des Deutschen Sportbundes 

Norbert Petry – Beauftragter des Deutschen Sportbundes für den Schulsport

 

Beschlossen durch das Präsidium des Deutschen Sportbundes am 25. 2. 2000

 

Seit seiner Gründung hat sich der Deutsche Sportbund für die Bewegungsbedürfnisse und -interessen von jungen Menschen eingesetzt. Bewegung, Spiel und Sport sind für die Gesamtentwicklung im Kindes- und Jugendalter von grundsätzlicher Bedeutung. In den von Sportvereinen und Sportverbänden organisierten Angeboten können auf freiwilliger Basis Bewegungs- und Sportinteressen verfolgt werden. 

Die gemeinnützige Sportbewegung trägt aus ihrer Gemeinwohlorientierung heraus auch Verantwortung für die Sportentwicklungen, die als staatliche Aufgaben wahrgenommen werden. Hiermit ist in erster Linie der Schulsport gemeint, der allen Schülerinnen und Schülern zusteht. Die Rahmenbedingungen für ihn müssen hinsichtlich Personal, Ausstattung und zeitlichem Umfang gesichert werden, damit der verbindliche Sportunterricht in allen Schulformen und Schulstufen durchgeführt werden kann. 

Der vorliegende Orientierungsrahmen wurde auf der Grundlage des Zweiten Aktionsprogramms für den Schulsport, das der Deutsche Sportbund und die Kultusministerkonferenz stellvertretend für ihre Mitglieder 1985 beschlossen haben, erarbeitet. Da die Zielsetzungen dieses Aktionsprogramms bis in die Gegenwart hinein noch nicht in allen Punkten erreicht sind, werden in den nachfolgenden Abschnitten Vorschläge unterbreitet, wie aktuelle Hindernisse überwunden werden können und die Ausgestaltung des Schulsports gesichert und weiterentwickelt werden kann. 

Der Orientierungsrahmen ist ebenso der Resolution „Schulsport ist staatliche Aufgabe“ verpflichtet, die gesellschaftliche Träger am 16. Juni 1997 in Frankfurt/Main gemeinsam verabschiedet haben. Zielsetzung eines erziehenden Schulsports ist demzufolge die Vermittlung von Bewegungs-, Gesundheits- und Sozialkompetenz. Die Bewegungs- und Sporterziehung wird als unverzichtbares Element eines ganzheitlichen schulischen Erziehungs- und Bildungsprozesses verstanden. Der Orientierungsrahmen formuliert Erwartungen und Forderungen, bietet Unterstützung an und verpflichtet den Deutschen Sportbund und seine Mitgliedsorganisationen, sich weiterhin verantwortlich für die Schulsportentwicklung einzusetzen. 

1. Erwartungen 

Im Hinblick auf den schulischen Bildungs- und Erziehungsprozess erwartet der Deutsche Sportbund vom Schulsport, 

dass allen Kindern und Jugendlichen 

  • ein ausreichendes und angemessenes Basisangebot an Bewegung und Sport unabhängig von ihren Lernausgangslagen und 
  • ein breit gefächertes Angebot an Schulsportwettbewerben und -wettkämpfen unterbreitet wird; 

dass Kinder und Jugendliche

  • mit der Bedeutung des Sports vertraut gemacht werden und sich Motivationen, Grundlagen und Möglichkeiten für ein lebenslanges Sporttreiben herausbilden können; 
  • zur Handlungsfähigkeit im und durch Sport erzogen werden; 
  • zunehmend sensibler, sachlich kompetenter, urteils- und gestaltungsfähiger für Bewegung, Körperlichkeit und Sport gemacht werden
  • mit körperlichen Leistungsschwächen und motorischen Defiziten gezielt gefördert werden und 
  • auf eine Mitarbeit in unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern im Sport vorbereitet werden. 

Der Deutsche Sportbund erwartet ferner, dass 

  • über Bewegung, Spiel und Sport eine ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung unterstützt wird; 
  • eine Grundversorgung körper- und sportbezogener Erziehung in allen Schulformen und -stufen sichergestellt ist; 
  • eine solide Ausbildung der Grundlagen sportlicher Bewegung gewährleistet wird; 
  • traditionelle Sportarten und Trendsportarten angemessen berücksichtigt werden; 
  • Kompetenzentwicklung für ein gesundheitsorientiertes Sporttreiben und eine gesunde Lebensführung erfolgt; 
  • sporttalentierte Kinder und Jugendliche gefördert und ihnen Wege aufgezeigt werden, wie sie ihr Talent im Sportverein weiterentwickeln können; 
  • jugendliche Leistungssportlerinnen/-sportler bei der Bewältigung ihrer Doppelbelastung von Training/Wettkampf und Schule/Beruf unterstützt werden; 
  • der Schulsport sich auf den Sport in der Gesellschaft – insbesondere den Sport der Vereine und Verbände (Selbstorganisation) bezieht; 
  • die Möglichkeiten und Chancen des Vereinssports ausreichend berücksichtigt werden sowie 
  • gegebene Möglichkeiten, wie Kooperationsmöglichkeiten mit Sportvereinen, kontinuierlich genutzt und den Schülerinnen und Schülern hier Zugänge vermittelt werden. 

2. Forderungen 

Zur politischen Unterstützung des Schulsports tritt der Deutsche Sportbund ein für eine Qualitätssteigerung des Schulsports durch unterstützende Maßnahmen wie 

  • einen mindestens 3-stündig – möglichst in Einzelstunden – erteilten Pflichtunterricht in den Allgemeinbildenden Schulen und mindestens einen einstündigen Pflichtunterricht Sport in den Teilzeitberufsschulen; 
  • eine qualifizierte universitäre Lehrerausbildung; 
  • eine angemessene Einstellung von Sportlehrer/-innen; 
  • eine regelmäßige Fortbildung für alle Lehrer/-innen; 
  • eine Begleitung und Evaluation durch angemessene Schulsportforschung und 
  • für verbindliche und überprüfbare Umfänge, Inhalte im und Qualifikationen für den Schulsport. 

Der Deutsche Sportbund unterstützt

  • eine umfassende Lobby für den Schulsport, insbesondere in Zusammenarbeit mit den Elternverbänden; 
  • die Einbindung des Schulsports in die Sportentwicklung der Kommunen; 
  • eine regelmäßige Befassung mit dem Schulsport in den kommunalen Schulausschüssen; 
  • Vernetzung/Kooperation mit weiteren Partnern (Krankenkassen, Gesundheitsämter); 
  • das Schaffen von Ressourcen zur Unterstützung von Aktivitäten für den Schulsport und 
  • die Berücksichtigung personeller Mandate, wie z. B. Beisitzer/Beauftragte/ Verantwortliche für den Schulsport in den Gremien der Stadt- und Gemeindesportverbände, Landessportbünde bzw. Fachverbände.

Der Deutsche Sportbund tritt ein für die Stärkung, Sicherung und den Ausbau 

  • von Gremien für den Schulsport wie Arbeitskreise, Ausschüsse; 
  • von Funktionsstellen „Beauftragte für den Schulsport“; 
  • von Landes- und Stadtforen für den Sport zur Zusammenarbeit Schule und Sportverein; 
  • der kommunalen Sportausschüsse; 
  • der Landesstellen für das schulsportliche Wettkampfsystem; 
  • des Projektes „Partnerschule des Leistungssports“ (sportbetonte Schule) in der Kooperation von Sportverein/-verband und Schule/Schulbehörde sowie 
  • sächlicher und räumlicher Schulsportausstattungen und Sportstätten. 

3. Verpflichtungen 

Der Deutsche Sportbund verpflichtet sich zur Zusammenarbeit 

  • bei der Schulsportentwicklung; 
  • bei der Entwicklung von Richtlinien, Lehrplänen und Handreichungen für den Schulsport; 
  • im obligatorischen und außerunterrichtlichen Schulsport; 
  • mit den Partnerschulen des Leistungssports im Einzugsgebiet der Olympiastützpunkte; 
  • mit verschiedenen Partnern zur Stützung des Handlungsfeldes, u. a. Elternvertretungen, Lehrervertretungen, sportwissenschaftlichen Hochschuleinrichtungen, Ärztevertretungen, Parteien, Gewerkschaften und Jugendverbänden; 

Der Deutsche Sportbund unterstützt 

  • die Gestaltung und Öffnung von Schule (u.a. bei Ganztagsangeboten) und die Mitgestaltung an Schulprogrammen; 
  • eine formale Absicherung des Handlungsfeldes „Schulsport“ In Satzungen seiner Untergliederungen; 
  • programmatische Verankerungen des „Schulsports“ in der Satzung sowie in eigenen Programmen; 
  • den Einsatz von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Sportvereine in Kooperationsformen mit Schulen, u. a. in Freiwilligen Schülersportgemeinschaften; 
  • die Ausbildung von Schülern/-innen zu Sport- und Gruppenhelfer/-innen; 
  • die Übungsleiterausbildung im Leistungsfach Sport der Gymnasialen Oberstufe sowie die Weiterentwicklung von Sportformen, Bewegungsfeldern und Sportbereichen, einschließlich ergänzender Wettkampfsysteme. 

Der Deutsche Sportbund verpflichtet sich ferner 

  • zur Aus-/Fortbildung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Sportvereinen – zum Thema Kooperation zwischen Schulen und Sportvereinen – als Schulsportbeauftragte in den Sportvereinen; 
  • zur Mitarbeit an der Erstellung von Materialien, z.B. praktische Hilfen für Schulen und Sportvereine; 
  • zur Beteiligung an der Schulmitwirkung u.a. im Rahmen der Verbändebeteiligung; 
  • eine Informations- und Beratungsstelle für das Handlungsfeld für die Landessportbünde, Sportfachverbände, Stadt- und Kreissportbünde, Stadt- und Gemeindesportverbände sowie Sportvereine einzurichten (u. a. Aufbau eines Netzes); 
  • zur Mitarbeit an bestehenden und ggf. neu zu entwickelnden Landesprogrammen, Landesinitiativen, Projekten, Modellversuchen sowie 
  • den Verantwortlichen in der Sportbewegung strukturelle Vorschläge zur Berücksichtigung von Ansprechpersonen für den Schulsport zu machen; 
  • kooperationswilligen Personen in der Sportbewegung Hilfen zur aktiven Kontaktaufnahme mit Schulen zu geben, um gemeinsame Konzepte und Wege zum Vereinssport für alle Kinder und Jugendlichen zu ermöglichen. 

Insgesamt soll der Schulsport zur Erreichung der allgemeinen Zielsetzung von Schule beitragen, nämlich personale Identität in sozialer Verantwortung so zu fördern, dass eine Handlungsfähigkeit entsteht, mit der die eigene Lebenswelt in Gegenwart und Zukunft sinnvoll und verantwortungsbewusst gestaltet werden kann. Um dies zu ermöglichen, muss auf der Landesebene durch die Bildungs- und Sportpolitik ein angemessener Rahmen bereitgestellt werden. Für die Weiterentwicklung sollten Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, Ärzte und Sportorganisationen eintreten und diese gemeinsam politisch vertreten. 

Der Deutsche Sportbund verabschiedet den „Orientierungsrahmen zum Schulsport“ in der Überzeugung, dass ein erfolgreicher Schulsport einen bedeutsamen Beitrag zur Gesamtentwicklung leisten kann und ein kompetentes Engagement in Sport und Gesellschaft erwarten lässt. Eine moderne Schule, Empfehlungen zum Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung, die junge Menschen auf künftige Herausforderungen vorbereiten will, kann auf eine qualitativ anspruchsvolle Bewegungs-, Spiel- und Sporterziehung nicht verzichten.